Eintrag ins Logbuch #1 – Die teuerste Flasche Bier aller Zeiten
Liebes Tagebuch,
heute möchte ich dir erzählen, wie es dazu kam, dass ich die geradezu lächerlich hohe Summe von 20 € für ein 0,33 l Astra bezahlt habe. Eine wahre Geschichte:
Samstagabend besuchte ich den Weststadtstory Poetry Slam in Essen – ein toller Slam mit tollen Menschen nebenbei bemerkt
– und, nachdem die Show gelaufen war, ging ich mit einer kleinen Abordnung dieser tollen Menschen bestehend aus Marco, Coo und Tobias in ein Tanzlokal. Retrospektiv hätte ich bereits an dieser Stelle wenn nicht skeptisch so doch wenigstens hellhörig werden müssen … der Name jener Einrichtung lautete: Opium. Ein Name, der nur allzu schmerzlich mit meiner eignen Vergangheit verbunden ist, da er mich an die Schrecken der Opiumkriege gemahnt, in denen ich für die Quing-Dynastie und den Schutz Chinas vor den weißen Teufeln stritt. Doch das ist eine andere Geschichte.
So kamen wir also an besagter Opium-Höhle an, zahlten freudig den Eintritt, erhielten unsere Verzehrkarten und gaben unsere Oberbekleidung an der Garderobe ab, dann stürzten wir uns in die Tanzfläche hinein. Wo wir abrupt abbremsten und abwarteten, um den Luftgitarrenwettbewerb passieren zu lassen, der gerade in vollem Gange war. Es gibt übrigens mannigfaltige Parallelen zwischen Luftgitarrenwettbewerben und Poetry Slams. Der Reihe nach kommt jeder mal dran und darf sich vor versammelter Mannschaft zum Affen machen etc. Da ich selbst ein hervorragender Luftgitarrist bin – lange Jahre habe ich bei dem berühmten Luftgitarrenmeister Michael “Air” Jordan trainert – hielt ich mich vornehm zurück.
Kurze Zeit nach dem Wettbewerb erbat ich mir von einem der Schankwirte ein kühles Astra, meinen Durst zu stillen. Pflichtgemäß zeichnete er die Schuld auf der Verzehrkarte ab und entließ mich wieder in das Getöse der tanzenden Meute, die sich mittlerweile gebildet hatte.
Einige tanzhaft verbrachte Minuten später, wollte ich ein weiteres Astra von meinem Zulieferer beziehen, doch es war mir nicht möglich. Meine Verzehrkarte war fort. Ob sie gestohlen wurde, oder ich sie nur einfach verloren habe, vermögen nur die Götter zu sagen, doch da ich mit Rousseau wenigstens die Ansicht teile, dass der Mensch gut ist, ging ich zu erst davon aus, dass ich sie verloren hatte. Ich teile nämlich weiterhin Rousseau’s Meinung, dass der Mensch auch mal was verlieren kann.
Der Bierknecht konnte mir jedenfalls nicht helfen und sandte mich daher zu seinem Herrn an der Pforte, wo ich meine Situation dem Türhüter und der Kassiererin erklärte. Doch der Unhold sprach: “Tja, Verzehrkarte verlieren kostet 36 €, weil wir davon ausgehen müssen, dass jemand die gefunden hat, komplett vollgesoffen und dann mit seiner leeren Karte hier raus ist.”
Natürlich ist das reines Mutmaßen, aber möglich wäre es, dachte ich bei mir. Ich wollte nicht auf Kollisionskurs gehen – schließlich bin ich ein angenehmer Zeitgenosse, obgleich ich das schon unfair fand und so sprach ich: “Was nun tun, oh edler Wächter des Tanztempels?*” (*leicht beschönigte Darstellung). “Schau dich um, vielleicht findest du sie wieder … oder du findest eine andere – mir egal.”
Huch? Ergab an diesem Ort zweimal Unrecht Recht? Könnte ich das mögliche Verbrechen, dass meine Verzehrkarte gestohlen wurde, dadurch tilgen, dass ich jemand anderem die Karte stahl? Oder: Was für ein unwahrscheinliches Szenario, dass ich meine oder eine beliebige Verzehrkarte irgendwo auf dem Boden fand.
Doch in diesem Moment erinnerte ich mich, dass der Garderobenmensch mir nicht nur eine nummeriertes Auslöseplastik für meine Sachen gab, sondern eben diese Nummer auch auf meiner Verzehrkarte vermerkt hatte. Die 93 – mein Geburtsjahr. Ich präsentierte das Plastikteil, das ich vom Garderobiere erhalten hatte und bat verstärkt auf diese Nummer zu achten, auf dass ein Übeltäter ergriffen werde und er an meiner statt die Strafe zu entrichten hätte.
Das Schicksal ist ja allgemein als ein Ironie begabtes Etwas bekannt, so kam es, dass tatsächlich jemand im Verlaufe unseres Gespräches, das immer wieder durch Heimgänger unterbrochen wurde, mit meiner Karte „ausgecheckt“ hatte. Wenige Minuten zuvor. Nach einigem hin und her, wer es denn gewesen war, ging der Torwächter mit meiner Karte nach draußen und kam kurz darauf mit dem Gesuchten zurück (der übrigens voll bis unter die Dachlatte war, ein Indiz, dass er seine Karte vollgesoffen und mir meiner raus war.). „Du bist gerade mit einer Verzehrkarte raus, die definitiv nicht deine war. Die gehört nämlich dem Typ hier. Zeig mal deine Garderobenmarke.“ Ich zeigte. Torwächter identifizierte die Nummern und sprach: „Mach mal deine Taschen leer.“
Nichts. Auch die anschließende Leibesvisitation förderte nichts zu Tage. Natürlich, dieses teuflische Genie hatte die volle Karte irgendwo entsorgt. Der Verdächtige wurde entlassen. Für mich unverständlich, schließlich hatte er meine Karte gehabt und nicht mal widersprochen, als man ihm unterstellte er sei eben mit dieser Karte ausgecheckt.
„Tja, kann man nichts machen.“, meinte der Türhüter. „Naja, ich hab ja meine Karte wieder. Ich bezahl halt, was da drauf abgestrichen wurde, auch wenn ich das meiste davon nicht getrunken habe und dann ist alles gut.“ (Auf der Karte 93 waren 7,50 abgestrichen – deutlich mehr als ein Astra, aber was soll’s? Ich war froh meine Karte wieder zu haben.) „Nee, du bezahlst 36 €.“
Ich: „Wieso?“
Er: „Wer sagt denn, dass das deine Karte ist?“
Ich: „Die Garderobennummer darauf, die mit meiner Marke übereinstimmt.“
Er: „Das reicht mir nicht.“
Okay, was ging hier vor? Wollte er mir Böses? Anscheinend schließlich hatte er eben darüber noch bewiesen, dass der andere mit einer Karte raus war, die nicht ihm gehörte und so eine Durchsuchung gerechtfertigt.
Ich: „Aber wieso sollte der Typ an der Garderobe Nummern doppelt rausgeben? Die sind doch eindeutig zugeordnet.“
Er: „Ja, aber das reicht mir nicht als Beweis. Guck mal, hast du hier drauf unterschrieben?“ (Hätte ich das mal gemacht! In Zukunft werde ich das wohl tun.) Er weiter: „Das ist ja kein Dokument.“
Ich: „Ich hab auch nirgendwo unterschrieben, dass ich 36 € zahlen muss, wenn ich meine Verzehrkarte verliere.“
Er: „Doch … hier hinten steht das drauf.“
Ich: „Also ist das doch ein Dokument!“
Er: „Ja, aber kein gegenseitiges … das ist ja nur von uns aus.“
Ich: „Sie haben aber ein ulkiges Rechtsverständnis.“ Das war schon ein starkes Stück. Ein einseitiger Kaufvertrag? So etwas gibt es nicht in der Realität. Wenn die Vermerke darauf für die eine Partei bindend sind, dann auch für die andere. Aber ich realisierte was hier gespielt wurde. Er saß am längeren Hebel und selbst dass ich seinen argumentativen Schwachpunkt aufgedeckt hatte, bewirkte nichts. Eine schmerzliche Erkenntnis für mich.
Er: „Ich hab kein ulkiges Rechtsverständnis. Das ist so.“ Rückhaltlose Totschlagargumentation. Was sollte ich tun? Ich zeigte mich einsichtig, schließlich wollte ich keinen Ärger.
Ich: „Versteh mich nicht falsch. Ich zahle die 36 €. Ich versuche nur zu verstehen, was hier vor sich geht. Das scheint mir nämlich alles ein bisschen willkürlich.“ Schätzt die Situation nicht falsch ein liebe Leser. Das war keine aggressive Situation. Wir unterhielten uns recht zivilisiert.
Er: „Das ist nicht willkürlich …“
Ich: „Na doch. Hier ergibt ja zweimal Unrecht Recht. Wenn ich dir einfach eine geklaute Karte bringe, dann bin ich aus dem Schneider, oder?“
Er: „Ja, aber das kann ich dir ja nicht nachweisen. Pass auf. Du hast eine Karte verloren. Das heißt uns fehlt eine. Und dieser Fehlbetrag muss ersetzt werden. Punkt.“
Ah, das konnte ich nachvollziehen. Durch das Verlieren meiner Karte und der daraus resultierenden Betrügerei des Davongekommenen, war ich verantwortlich. Schuld war der Typ, der jetzt weg war. Aber ich konnte durch meinen Verlust zur Kasse gebeten werden. Nicht gerecht und ziemlich faul, was die Verfolgung des wahren Übeltäters anging, aber zu mindest nachvollziehbar. Dennoch sind 36 € immer noch 36 €…
Ich: „Naja, ich schau mal vielleicht finde ich was.“
Ich machte mich auf, suchte alles ab und fragte die Barleute – nichts. Natürlich. Das war eindeutig nicht mein Abend. Geknickt setzte ich mich und erzählte meinen Begleitern die Geschichte so weit. Allseitige Anteilnahme und Unverständnis über das Verhalten der Clubbetreiber. Sozial gesehen sehr nett und dankenswert, doch davon konnte ich mir nichts kaufen. Ich musste meinen Verstand benutzen, um vielleicht doch noch irgendwie aus der Sache raus zu kommen.
Stehlen kam per se nicht in Frage…
Einen Tunnel in die Freiheit graben? Nein, ohne Werkzeug würde das zu lange dauern.
Ein Feuer legen, um durch den Notausgang zu fliehen? Nein, die Kollateralschäden wären zu groß.
Einfach so durch den Notausgang? Nein, wenn der an einer Alarmanlage hin, müsste ich im schlimmsten Fall einen Feuerwehreinsatz bezahlen und so was ist bestimmt teurer als 36 €.
Schließlich kamen mir doch zwei absurde, aber praktikable Ideen und da man mir nicht vorwerfen soll, ich hätte nicht alles versucht … So verabschiedete ich mich von meinen Begleitern, denn, egal wie es ausgehen würde, länger wollte ich nicht bleiben, holte meine Sachen von der Garderobe und stand mit einem „Da bin ich wieder“ vor dem Torwächter und der Kassiererin, die bislang gar nichts zu der Diskussion beigetragen hatte.
Sie: „Und?“
Ich: „Natürlich hab ich nichts gefunden, aber ich hab mir was überlegt. Wenn ihr mich jetzt gehen lasst, dann komme ich wieder und ihr werdet insgesamt mehr an mir verdienen, als wenn ihr mir jetzt einmal 36 € abknöpft und mich dann nie wieder seht.“
Er: „Sorry, auch wenn du noch einiger Maßen klar im Kopf bist …“ – was sollte das denn heißen? Erstens bin ich nie klar im Kopf und zweitens hatte ich nur ein Astra getrunken! „… müsste ich mich da auf dein Wort verlassen und das geht nicht. Außerdem kennst du die Regeln.“
„Na gut … dann bleibt mir nur noch eine Möglichkeit … Ihr wollt meine Verzehrkarte nicht sehen!“, sagte ich und vollführte die Jedi-Mindtrick-Geste. Verdutzt blickten die beiden mich an. Anscheinend war die Macht nicht stark in mir. Dann schmunzelte der Türmeister und die Kassiererin sagte: „Aus Kulanz sagen wir mal 20 €“ Vielleicht war die Macht doch ein bisschen stark in mir.
Ich: „Danke, das finde ich aber sehr entgegen kommend von Ihnen.“ Ich holte das Geld raus und bezahlte.
Sie: „Ich denke, da können wir dann beide mit leben.“
Ich: „Ja, ich denke auch. Wirklich sehr entgegen kommend von Ihnen. Dann… auf nimmer wiedersehen.“
So verließ ich das Opium und hatte für eine Flasche Astra die horrende Summe von 20 € gezahlt. Höchstwahrscheinlich der höchste Preis, den überhaupt jemals jemand für ein Astra gezahlt hat in der Geschichte des Biers UND DAS SCHLIMMSTE IST: ES WAR NICHTMAL EIN URTYP SONDERN EIN ROTLICHT!
Erklärung: Obwohl die Dialoge aus dem Gedächtnis nacherzählt sind. Hat sich das alles so zugetragen.